Für das Erinnern
Presseartikel aus dem Jahr 2008
Hier spürt man die Geschichte
Passauer Neue Presse, 7.2.2008
Mühldorf. Ein mächtiger Betonbogen ragt aus dem Boden. Eisenstäbe bohren sich durch Geröll und Gestrüpp. "Vorsicht, Lebensgefahr!", mahnt eine gelbe Tafel. Dieser Ort ist Geschichte. Gestern hat Grünen-Chefin Claudia Roth die ehemalige Anlage im Bunkergelände im Mühldorfer Hart besucht. "Hier zeigt sich eindrucksvoll der Zusammenhang zwischen Größenwahn und Verbrechen", stellt sie fest. Den Versuch der Natur, sich das Gelände nach und nach zurück zu holen, wertet sie als Mahnung, den Gedenkort zu erhalten. "Hier spürt man die Geschichte", sagt sie, "und da darf kein Gras drüber wachsen."

Auf Einladung der Mühldorfer Grünen Dr. Georg Gafus und Cathrin Henke war die Bundesvorsitzende zu der ehemaligen Außenstelle des KZs Dachau gekommen. Dr. Erhard Bosch vom Verein "Für das Erinnern" führte über das Gelände. Eine riesige unterirdische Fertigungshalle für Kampfflugzeuge sollte hier noch in den letzten Kriegsmonaten entstehen. Um die 9000 Zwangsarbeiter – zumeist ungarische Juden – schufteten hier vom August 1944 bis April 1945. Zwischen 3000 und 4000 der KZ-Häftlinge verloren ihr Leben. Unter unmenschlichen Bedingungen hausten sie in Erdhütten, bekamen kaum zu essen.
Bei ihrer Befreiung durch die Amerikaner wogen einige der Männer nur noch 35 Kilo. "Vernichtung durch Arbeit" nennt Erhard Bosch diese grausame Taktik. Seit vielen Jahren kämpft der Verein dafür, dass die Bunkeranklage als Gedenkstätte anerkannt wird. Bis März sollen nach Angaben von Bosch die Verhandlungen mit den Waldbesitzern abgeschlossen sein. "Es ist viel zu lange nichts passiert, aber es ist noch nicht zu spät", sagt Georg Gafus zu den konkreter werdenden Planungen. Zumindest herrsche inzwischen parteiübergreifend Einigkeit über das Gedenkstättenprojekt. Claudia Roth begrüßte die Pläne. Wenn Zeitzeugen wie Max Mannheimer solche Orte besuchten, lebe die Geschichte. Doch man müsse auch für die Zeit danach planen. "Es gibt immer weniger Max Mannheimers, und wir müssen trotzdem die Geschichte lebendig erhalten", mahnt sie. Als Anregung wolle sie einen Brief an Ministerpräsident Günther Beckstein verfassen. "Denn die Erinnerung muss gepflegt werden, dafür muss man sich einsetzen." Wenn man den wenigen Überlebenden durch ihre Namen auf einer Gedenktafel zu einer späten Würde verhelfen könne, dürfe man das nicht unterlassen, meint die Grünenpolitikerin. "Vergessen tötet – und hier sollte man alles dafür tun, damit das nicht passiert." (gbe)
Klare Zusage für Gedenkstätte |
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Das KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart soll möglichst schnell zur Gedenkstätte werden. Das versprach der Direktor der bayerischen Gedenkstättenstiftung bei der Gedenkfeier. |
«Das bürgerliche Engagement hat entscheidend dabei geholfen, dass dieser Ort nicht vergessen wird.» So hat Landtagsabgeordneter Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, den Weg vom verfallenen Bunker zum offiziellen Erinnerungsort beschrieben.
Auf den Tag genau 63 Jahre nach dem Transport der Häftlinge des Konzentrationsaußenlagers im Mühldorfer Hart haben etwa 30 Bürger, ehemalige Häftlinge und zahlreiche Bürgermeister am Montag die Gedenkfeier des «Vereins für das Erinnern» am Bunkerbogen besucht.
Mit «Unzulänglichkeit, vielleicht Versagen» hat Freller, der bereits als bayerischer Kultus-Staatssekretär mit dem Thema Gedenkort beschäftigt war, die bisherigen staatlichen Bemühungen geschildert, einen Erinnerungsort im Mühldorfer Hart zu schaffen. Dort eine Denkmal- und Bildungsstätte zu errichten, «dieser Pflicht stellt sich der Freitstaat Bayern und ich mich persönlich als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten», sagte Freller vor der Bunkerruine und ehemaligen KZ-Häftlingen. Das solange keine Lösung gefunden worden sei, wertete Freller als «beschämend».
Zwar behindern laut Freller nach wie vor «juristische und bauliche Schwierigkeiten» die Umsetzung eines Gedenkortes. Es stehe aber fest, dass neben Waldlager, Bunkerruine, Massengrab «ausdrücklich» auch das Museum dazu gehöre.
Der ehemalige KZ-Häftling Max Mannheimer erinnerte daran, dass Bürgermeister Günther Knoblauch für die Stadt Mühldorf Räume für dieses Museum zugesagt habe. «Erinnern Sie ihn daran, sollte ich nicht mehr da sein», sagte Mannheimer an die Zuhörer gewandt. Mannheimer berichtete zusammen mit Walter Taus, ebenfalls ehemaliger KZ-Häftling im Mühldorfer Hart, von den Haftbedingungen im Lager.
«Jedes Vergessen tötet ein zweites Mal», sagte Landrat Georg Huber angesichts der heutigen Situation im Mühldorfer Hart und der Schicksale der hier etwa 3000 Ermordeten.
Ebenso wie Huber stellte Bundestagsabgeordneter Stephan Mayer die Arbeit des Vereins «Für das Erinnern» heraus. Auch diese Arbeit diene der Sicherung der Demokratie.
Mayer sagte zur Entwicklung einer Gedenkstätte, «dass nicht alles so ist, wie es wünschenswert wäre» - auch wenn «alle eine Gedenkstätte wollen». Das «schnellstmögliche» Umsetzen des Vorhabens sei Ziel. Langfristig könne die Umsetzung einer Gedenkstätte Jahrzehnte nach den Verbrechen nur gelingen, wenn es auch gelinge, die Jugend in diese Erinnerungsarbeit einzubinden.
Für das Engagement der Jugend steht heute Sonja Holzhauser. Die Schülerin der Mühldorfer Wirtschaftsschule Gester erzählte von ihrer Geschichts-Arbeit und den Gesprächen mit Zeitzeugen, (ovb 2008)
