Presseartikel 2012
Talleris Erinnerungen im Kreismuseum
Sieben Monate lang war Giovanni Talleri Häftling im KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart - und überlebte.
Seine Erinnerungen hielt der Italiener nach seiner Rückkehr nach Triest in zahlreichen Bleistiftzeichnungen und Bildern fest. Fünf seiner Werke haben nun einen dauerhaften Platz im Kreismuseum Mühldorf gefunden. Der "Verein für das Erinnern" hatte sie nach Talleris Tod unter der Initiative des Zweiten Vorsitzenden Dr. Erhard Bosch (links) als Schenkung erhalten, nun können sie als Dauerleihgabe im Lodronhaus besichtigt werden. Museumsleiterin Dr. Susanne Abel (rechts) dankte Bosch für sein Engagement und stellte zugleich den "unschätzbaren Wert" der Zeitzeugnisse heraus. Einen ausführlichen Bericht über den Künstler und seine Bilder lesen Sie heute unter "Kultur in der Region" auf der Seite 29.

Foto ha/ovb
Bilder einer gestohlenen Jugend
19.1.2012
Seit Montag hat Giovanni Talleri einen festen Platz in Mühldorf, einen "Raum der Erinnerung" im Kreismuseum Mühldorf. Keine zehn Kilometer von dem Ort entfernt, an dem er die schlimmsten Monate seines Lebens verbracht hat.
Im August 1944 wurde Talleri in Triest verhaftet, direkt an seiner Haustür. Wie viele andere hatte sich der junge Mann dem militärischen Aushebungsbefehl widersetzt. Zur Strafe steckten ihn die Nationalsozialisten in die Strafkolonne des KZ-Außenlagers im Mühldorfer Hart.
Die Arbeit war entkräftend, das Leben menschenunwürdig. Die Bilder von ausgemergelten Häftlingen, von prügelnden Aufsehern, von gebrochenen Menschen brannten sich in sein Gedächtnis. Talleri hatte Glück, nach einer Verlegung ins Lager nach Strub gelang ihm von dort die Flucht.
Wieder zu Hause in Triest begann er seine Erinnerungen zu zeichnen. Die Bleistiftskizzen der leidenden Figuren mit den leeren, willenlosen Gesichtern landeten zunächst in der Schublade - und blieben dort fast ein halbes Jahrhundert lang. Selbst in seiner Monografie, die 1968 erschien, erwähnte Talleri seine Erlebnisse im Mühldorfer Hart nicht, erst Mitte der 80er-Jahre fing er wieder an, Bilder über die Deportation zu malen.
Fünf Werke sind nun im Mühldorfer Kreismuseum zu sehen. Sie sind eine Dauerleihgabe des "Vereins für das Erinnern", der vor allem durch seinen Zweiten Vorsitzenden Dr. Erhard Bosch jahrelang den Kontakt zu Talleri gepflegt hat - bis zu dessen Tod im Januar 2009.
Eng geht es zu in dem Talleri-Raum. Die Bilder hätten auf den ersten Blick mehr Platz verdient, vor allem die große Leinwand mit den dunklen Acrylfarben. Die "Strafkolonne Mühldorf 1944" zeigt vier Häftlinge bei nächtlichen Gleisarbeiten an der Baustelle des Rüstungsbunkers, bewacht von einem SS-Mann mit Gewehr.
Das matte Olivgrün der SS-Uniform war zugleich farbgebend für den Anstrich des Ausstellungsraums. Den acht Quadratmetern verleiht dieser Farbton einen düsteren, bedrückenden Charakter. Die räumliche Enge tut ihr übriges, um sich dem Geschehen, dem dargestellten Leid näher zu fühlen.
Welche Möglichkeiten sich im Zusammenhang mit einer seit Jahren geplanten zeitgeschichtlichen Aufarbeitung des Themas auftun, zeigt am besten die Bleistiftzeichnung "Rientro-Strafkolonne 1945". Sie stellt ein Häftlingskommando dar, das abgearbeitet ins Lager zurückkehrt, in der Hand den Essnapf für die "Bunkersuppe". Wer will, kann nämlich die im Waldlager entdeckten Schüsseln zwei Räume weiter im Original besichtigen.
Ob die Kunst geholfen habe, das Erlebte zu verarbeiten, wurde Talleri einmal gefragt: "Ja", antwortete er, "als spirituelle Beschäftigung schon." Doch Talleris Intention ging weit darüber hinaus: "In meinem Fall gibt es die Verpflichtung von den Dingen loszukommen und nachzudenken über die Zeit, über die Flüchtigkeit des Lebens, über die Erkenntnis, dass nichts oder fast gar nichts daraus gelernt worden ist", schreibt er in seiner Monografie "Die passagio".
Und dann wird er konkret: "Wenn man die Uniformen und die Waffen austauscht, stellen die Bilder das ewige Drama des Menschen dar. Seine Unfähigkeit, Probleme mit seinem Nächsten zu lösen. (...) Und das schon seit der Zeit der primitiven Kämpfe mit Steinäxten bis hin zu den fortgeschrittenen Kriegen mit den alles vernichtenden Waffen der Neuzeit."

Acryl auf Leinwand: Häftlinge bei der nächtlichen Gleisarbeit im Schnee, bewacht von einem SS-Mann. OVB
OVB 2012
Alles wird greifbarer
Mühldorf - Vor dem Bau einer KZ-Gedenkstätte im Mühldorfer Hart sind nach wie vor viele Fragen zu klären. Das wurde bei der Gedenkfeier am Samstagabend deutlich.
© rob
Ein Gedenkort auch als Zeichen gegen Neofaschismus: Bei der Feier am Bunkerbogen sprach sich auch der Direktor der Bayerischen Gedenkstättenstiftung für den Bau einer Gedenkstätte aus. Schüler der Fachakademie ließen Besucher Steine mit den Namen von getöteten Häftlingen schreiben.
"Die Erinnerung wird nicht sterben - das ist Behauptung und Wille zugleich", sagte Franz Langstein, Vorsitzender des Vereins für das Erinnern, bei der Gedenkfeier anlässlich der Befreiung des KZ-Außenlagers am Samstag am ehemaligen NS-Bunkerbogen im Mühldorfer Hart. Für Langstein ist eine dauerhafte Arbeit vor Ort auch angesichts der neofaschistischen Morde notwendig.
Dass die Erinnerungsarbeit dort sinnvoll ist, wo fast 4000 von 8000 Häftlingen innerhalb von zehn Monaten starben, bestätigten zwei Schüler des Gymnasiums Gars. Gloria Schwanhäuser und Daniel Rascher berichteten von ihrer schulischen Geschichtsarbeit, davon, dass einige bis vor einem Jahr nichts von dem KZ-Außenlager vor der eigenen Haustür gewusst hätten, davon, dass am Bunkergelände "alles greifbarer" geworden sei. Die Aufarbeitung der Geschichte sei schließlich "nicht mehr nur für gute Noten, sondern für uns selber" wichtig geworden.
"Die Vergangenheit wirkt auch in die Zukunft hinein", begründete Oberregierungsrat Michael Stadelmann als Vertreter des Landrats die Aufgabe einen Erinnerungsort zu schaffen. Der Verein "Für das Erinnern" kämpfe unermüdlich dafür. "Dies kann der Landkreis nur unterstützen", so werde "ein Stück der Würde der Opfer wiederhergestellt".
"Ein offener Umgang mit der lokalen Geschichte gereicht allen Bürgern in Stadt und Landkreis zur Ehre", sagte Landtagsabgeordneter Karl Freller als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, verbunden mit dem Dank an ehemalige Häftlinge wie Max Mannheimer, die ihre leidvolle Erinnerung an Mühldorf dazu gebracht habe aufzuklären statt sich abzuwenden. Ihnen sei das dauerhafte Bewahren der Geschichte wichtig. "Wir dürfen ihre Hoffnungen nicht enttäuschen."
Doch die Umsetzung eines Gedenkortes dauert noch. Freller sprach von nach wie vor "offenen Baustellen", wie einer "komplexen Eigentumslage, der Frage der Kampfmittel und Altlasten, die Sicherheit unser zukünftigen Besucher, schließlich der dauerhafte Unterhalt".
Freller kündigte die weitere Unterstützung der Stiftung an: "Wir werden in den nächsten Monaten gemeinsam mit dem Staatlichen Bauamt Rosenheim einen Gestalterwettbewerb ausrichten. Wir zählen darauf, dass der Landkreis und die Stadt Mühldorf im Rahmen ihrer Möglichkeiten nicht nur ideelle, sondern auch materielle Unterstützung einbringen." So werde es gelingen, "den Bund und andere Geldgeber von der Ernsthaftigkeit unserer Pläne zu überzeugen. Die Zeit drängt", so Freller, für den die Erinnerung an Gräuel der Nationalsozialisten an festen Gedenktagen "kein Selbstzweck ist: Sie kann das Geschehen zwar nicht ungeschehen machen, aber sie vermag es, die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung zu verringern".
Der Historiker Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, hält eine Gedenkstätte im Mühldorfer Hart für machbar, mit Anschub durch den Bund und dem Freistaat als Träger. Eine Ausstellung vor Ort "ohne zu viel Belehrung" solle idealerweise das ganze Jahr über zugänglich sein und "neugierig machen, den historischen Ort zu erkunden". Benz: "Das Angebot muss stärker sein als die Indolenz der Faulen, die einen Schlussstrich ziehen wollen."
Für Benz sind historische Orte als direkt vermittelnde Lernorte notwendig. Die Auseinandersetzung mit Geschichte vor Ort gehöre zur politischen Kultur, solle aber mehr als bloßer Geschichtsvermittlung dienen. Benz warnte vor einer "falschen Erwartung", dass durch verordnete Besuche an solchen Lernorte Mängel der schulischen Bildung ausgeglichen oder Gewalt verhindert werden könnte. Sie könnten lediglich Anstoß dazu sein. Durch die Zuwendung der Öffentlichkeit an und durch Gedenkorte werde den Opfern ein Stück ihrer Identität wiedergegeben.
Teil dieses Prozesses ist für Langstein eine Aktion der Fachakademie Starkheim. Die Schüler ließen auf dem Stadtplatz Mühldorf Passanten die Namen von KZ-Opfern auf Steine schreiben.